Gerne wieder!

Lesung mit Wasserglas

30. Dezember 2013
von Peter P. Neuhaus
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Angekommen

Freunde werden langsam älter.
Und am Tisch, man ahnt es schon,
werden die Gespräche kälter.
Nicht mehr geht’s um Mindestlohn,

nicht um Solidaritäten,
nicht um die Gerechtigkeit,
nicht um Abgeordnetendiäten,
nicht um Klassenkampf und Streit.

Nein, es dreht sich mehr um Sachen
wie die Yogastunde, Kerzen,
darum, was die Kinder machen,
dass der Werner was am Herzen,

dass die Küche von IKEA,
das die Hochzeit schön gewesen,
dass der Rolf ein Fraunversteher,
dass wir Sadomaso lesen.

Werner spielt jetzt Saxophon?
Zweimal Urlaub muss schon sein!
Und Tatjana, weißt Du schon?
Ja, ich weiß. Will noch wer Wein?

Altmaier ist Junggeselle?
Ist nicht wahr! Definitv!
Gibt’s noch was von der Forelle?
Jemand Kaffee? Digestiv?

Lange dauert diese Runde.
Allzuschön ist, was uns hält.
Und noch in der letzten Stunde
wärmen wir uns an der Welt.

Possierlichkeit und Biedermeier,
hoppsa he! – da sind sie ja.
Lang vergessnes Rumgeeier
um Banales – wunnerbar.

24. Oktober 2013
von Peter P. Neuhaus
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Betreff:
Ihre unverlangte Manuskript-Einsendung vom 17.10.1833

Sehr geehrter Georg B.,
Sie schickten uns Ihr Exposé.

Also, was Sie da so schreiben –
lassen Sie es lieber bleiben!

Alles Mist! Vor allem jener
Kinderkram Leonce und Lena.

Ein Witz, und keiner von den besten:
das mit den Hütten und Palästen.

Ihre Woyzeck-Textcollage?
Hammerharte Vollblamage!

Und das Ding von Dantons Tod:
völlig kopflos, trocken Brot.

Nein, das alles ist ein Graus.
Spannen Sie mal tüchtig aus!

Sie sollten sich den Geist erfrischen.
Machen Sie doch was mit Fischen!

Jedenfalls: Für diesen Scheiß
gibt es nie den Büchnerpreis.

1. Oktober 2013
von Peter P. Neuhaus
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Do It Yourself

Regel 1: Gedicht ist gut,
wenn es sich schön reimen tut.

Regel 2: Es ist Gedicht,
wenn es Verse hat. Sonst nicht.

Regel 3: Ob Hebung, Senkung –
Kunst liegt in der Selbstbeschränkung.

Regel 4: Was man Dir tu,
reim auch jedem Andren zu.

Regel 5: Wird es Sonett,
kriegst Du alle Frau’n ins Bett.

Regel 6: Verrat ich nicht,
sonst schreibst Du bald auch Gedicht.

Regel 7: Alles klar,
wenn das Thema gut und wahr.

Regel 8: Mach es schön kurz.

12. Juni 2013
von Peter P. Neuhaus
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Familienaufstellung

Die Tragik ist die Tochter des Verbrechens
Der Schlaf ist Bruder von Gevatter Tod
Das Phlegma ist der Schwager des Versprechens
Erlaubnis ist die Tante vom Verbot

Die Nichten aller Feste sind die Sausen
Die Mütter aller Schlachten sind der Krieg
Die Onkel aller Duschen heißen Brausen
Die Vettern aller Niederlagen Sieg

Zum Ururenkel hat der Spaß die Komik
Zum Großcousin hat jeder Knall den Schuss
Zum Paps hat der Cartoon die Physiognomik
Zur Oma jeder Text auch einen Schluss

10. Juni 2013
von Peter P. Neuhaus
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Das schöne Mädchen

Sie gleitet durch die Stadt mit leisem Ticken.
Ihr Lachen schneidet scharf wie ein Florett.
Sie schwirrt herum mit Hand, Gesicht und Blicken -
ein wunderschönes Mädchen mit Tourette.

Sie geht zusammen mit fünf andren Mädchen.
Ein Shoppingnachmittag von A bis Zett.
Sie hampelt sich durch Shops und kleine Lädchen -
ein wunderschönes Mädchen mit Tourette.

Sie geht nicht gradeaus, sie geht in Schleifen.
Die Arme zucken manchmal im Duett.
Die Welt ist dazu da, sie zu umgreifen -
ein wunderschönes Mädchen mit Tourette.

Ich bleibe stehn mit offnem Mund und staune.
Erwische mich beim Denken: Lazarett.
Sie geht an mir vorbei mit guter Laune –
das wunderschöne Mädchen mit Tourette.

8. Juni 2013
von Peter P. Neuhaus
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Da draussen

Männer, die mit Pudeln gehen
Frauen, die nach Kleidern sehen
Kinder, die vorüberwehen
Hunde, die um Gnade flehen

Rollis, die lang Kette rauchen
Raucher, die sanft Anschwung brauchen
Menschen, die die Sonne schmauchen
Katzen, die die Welt anfauchen

Jungs, die sich das Bein vertreten
Mädchen, die um Schönheit beten
Kinder, die auf Hopsgeräten
hopsen, in entleerten Städten

Gitter vor den Juwelieren
Omas, die, von alten Tieren
launisch kommandiert, mit ihren
Hackenporsches rumflanieren

Farben, die sich nicht verschonen
Dinge, die sich kaum je lohnen
Häuser, die bei Menschen wohnen
Draußen in Fußgängerzonen

Muntres Treiben, hahaha
Volle Welt, wie wunderbar
Menschenwirrnis, blablabla
Mitten in der Innensta

7. Juni 2013
von Peter P. Neuhaus
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Das Tagwerk

Die Zeitung blanchiert und die Socken gestopft,
das Kätzchen gebügelt, den Hund abgetropft.
Mit Viererpasch schnell noch beim Schach aufgetrumpft,
danach ein klein wenig mit Goethe versumpft.

Den Hamster gebohnert, den Grenzstein verrückt,
den Teletubbies die Daumen gedrückt,
die Badelatschen frisch rosa lackiert.
Ansonsten ist heute nichts Großes passiert.

Kein Erdteil erobert. Nur Kleinkram geschafft.
Das Leben gelebt, davon kaum was gerafft.
Das Tagwerk erledigt. Nichts Tolles vollbracht.
Der Tag geht zuende. Tschüss, ciao, gute Nacht.